Rede des Vorsitzenden, Bernd Kemmner,
zum 50–jährigen Jubiläum der Kirchenpflegervereinigung


Liebe Mitglieder und Gäste,

eine lange Liste von persönlichen Begrüßungen wäre nun angesagt. Ich möchte aber darauf verzichten umso mehr Zeit für Begegnung zu schaffen. ich bitte ich Sie hierfür um Verständnis. Herzlich Willkommen sind Sie mir und uns, alle wie sie hier versammelt sind. Es ist schön einen Geburtstag mit so vielen Freunden und Bekannten feiern zu können. 

Zwei Menschen möchte ich aber besonders heraus heben und freue mich über deren Anwesenheit. Es sind unsere beiden Ehrenmitglieder Otto Specht und Herbert Hermann. Beide haben diese Vereinigung mitbegründet und durch ihr Zutun und Wirken mit zu dem werden lassen, was wir heute hervorheben und feiern.

1967 – einige von uns waren zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht geboren, andere wussten nicht, so wie auch ich, was sich hinter der Vereinigung Evangelischer Kirchenpfleger in Württemberg verbirgt. Daher möchte ich zu Beginn mit Ihnen einen kurzen Zeitensprung zurück in das Jahr 1967 machen. Eine Zeitphase des Um- und des Aufbruchs. Die neue Bundesrepublik etabliert sich, das Wirtschaftswunder hat zu erstem Wohlstand geführt und beim Besuch des Schahs in Berlin wird der Student Benno Ohnesorg erschossen. Dieses Ereignis wird ja als Auslöser der studentischen und außerparlamentarischen Bewegung gesehen. Die Welt nimmt  Abschied von Konrad Adenauer und Che Guevara. Uns allen bekannte Menschen, wie Julia Roberts oder Jürgen Klopp, werden geboren. Der NSU RO 80 ist Auto des Jahres und der Siegeszug des Minirocks hält an. Die Rolling Stones stürmten mit „Let’s spend the Night together“ die internationalen Charts.

In diese Zeit hinein wurde am 24.04.1967 die Vereinigung Evangelischer Kirchenpfleger in Württemberg gegründet. Damals nur in männlicher Form, denn Kirchenpflegerinnen gab es sehr wenige. Heute stellt sich dieses Bild völlig anders dar. Die Stelle einer Frauenbeauftragten ist in der Vereinigung überflüssig. Nicht verschwiegen sei, dass heftige Geburtswehen dieser Gründung vorangingen, denn es wurde darum gerungen, wer denn Mitglied werden konnte. Zum 1.Vorsitzenden wurde Frieder Bothner gewählt, damals Kirchenpfleger in Geislingen/Steige. Bereits 20 Jahre zuvor, unmittelbar nach Kriegsende, war mit der Arbeitsgemeinschaft Evang. Kirchenpfleger in Württemberg der Grundstein unserer Vereinigung gelegt worden.  Deren Vorsitzender war der Cannstatter Kirchenpfleger Emil Klein.

Den Berufsstand des/der Kirchenpfleger/in finden wir schon in der Apostelgeschichte, in welcher von der Verwaltung des Gemeindeeigentums die Rede ist. Über die Jahrhunderte hinweg hat sich der Name verändert: Almosenpfleger, Heiligenpfleger, Kastenpfleger, Stiftungspfleger und heute Kirchenpfleger. Die Kernaufgabe, anvertrautes Geld und Vermögen zu verwalten, besser: im biblischen Auftrag einzusetzen, ist geblieben.
Der neue Verein hatte bereits im  November 1967 140 Mitglieder. Als 1970 der Backnanger Kirchenpfleger Richard Dimmler zum neuen Vorsitzenden gewählt wurde, waren es bereits 445 Mitglieder. Heute hat unsere Vereinigung über 1.000 Mitglieder. Dies zeigt sehr deutlich, wie schnell es den damaligen Protagonisten gelang, die Kolleginnen und Kollegen für die Arbeit der Vereinigung zu gewinnen. Defizite im Bereich der Aus- und Fortbildung waren schnell erkannt und so wurde bereits im November 1971 die erste Tagung für nebenberufliche Kirchenpfleger in Langenburg organisiert.1972 folgten zweitägige Seminare für Hauptberufliche Kirchenpfleger zur Einführung der neuen Verbundrechnung. Bereits damals nahmen die Kirchenpflegerinnen und Kirchenpfleger ihre Fortbildung selbst in die Hand. Mit jeder weiteren Fortbildung wurden Inhalte, Methodik, Angebote und die Tagungsorganisation verbessert und professionalisiert. Seit 1974 wird diese Arbeit von einem eigenen Fortbildungsausschuss, später dann gemeinsam mit dem Verband der Verwaltungsmitarbeiter/innen, verantwortet. Ich darf sagen, dass wir dies bis heute so fortführen konnten, ist die Erfolgsgeschichte der Vereinigung und es ist auch ihr Markenkern. Neue Kolleginnen und Kollegen lernen die Arbeit der Vereinigung sofort mit der ersten Fortbildung kennen. Besonders stolz sind wir darauf, dass wir dies bis heute eigenverantwortlich, nur mit und durch hohes ehrenamtliches Engagement unserer Referenten und Tagungsleitungen schaffen. Auch bei einem Jubiläum darf ich kritisch anmerken, dass wir lange Zeit um die nun endlich gewährte fachliche Unterstützung des Oberkirchenrats für komplexe Themen von Tarif- und Arbeitsrecht ringen mussten und dies, obwohl wir die Finanzierung gleich mitgeliefert haben. Bei anderen Berufsgruppen ist die Qualifizierung der Mitarbeiter durch den Oberkirchenrat mit dessen Organisation und Finanzierung selbstverständlich.

Mutter und Vater zugleich war die Vereinigung bei der Gründung des Verbandes der Verwaltungsmitarbeiter/innen. In einer Mitgliederumfrage wurde die Gründung eines Berufsverbandes für die MitarbeiterInnen in den Dienststellen der  Verwaltungen als notwendig ermittelt und so beschloss der Ausschuss am 06.03.1979 die Gründung des heutiges Verbandes zu initiieren und kooperatives Mitglied zu werden.  Bis heute gibt es enge Verbindungen und Gemeinsamkeiten der beiden Verbände.

Überhaupt war die Vereinigung eine potente Geburtshelferin.1991 wurden bei Gründung des Landesverbandes der Diakonie-und Sozialstationen sage und schreibe 7 Kirchenpflegerinnen und Kirchenpfleger in die neuen Gremien gewählt. Im Vorfeld der Einführung des Pflegeversicherungsgesetzes waren es wir Kirchenpfleger, die mit dem damaligen Vorsitzenden Otto Specht an der Spitze, die Professionalisierung und wirtschaftliche Ausrichtung der Einrichtungen einforderten und vorantrieben. Heute würde man wohl von einer Übernahme reden. Die positive Entwicklung des Landesverbandes und seiner Mitgliedseinrichtungen zeigt aber, dass es eine gute Entwicklung war, die wir mit angestoßen haben.

Am 14.03.1991 beschloss der Ausschuss: „Die Kirchenpflegervereinigung wird bei der Bildung eines kirchlichen Gemeindetages mitarbeiten.“ So entstand eine bis heute gute Zusammenarbeit mit dem Kirchengemeindetag und eine für beide Seiten anregende Diskussionsebene, welche es ermöglicht, frühzeitig unterschiedlichste Aspekte zu bedenken.
Neuland hat die Vereinigung 2002 betreten als, verbunden mit der Neuwahl des Vorstands, eine eigenfinanzierte Geschäftsstelle mit einer halben Stelle eingerichtet wurde. Ohne diese ist die umfangreiche Arbeit der Vereinigung heute nicht mehr vorstellbar.
Bis heute bündelt die Vereinigung Kompetenz, Erfahrung und Einschätzungen von nebenberuflichen und hauptberuflichen KirchenpflegerInnen sowie der LeiterInnen der Veraltungsstellen. Das ist unsere Stärke und es sollte immer bewusst sein, dass wir, bei allen Unterschieden und auch Meinungsverschiedenheiten, nur so gut sein können, wie wir es schaffen, der Verwaltung ein einheitlich Stimme und dadurch Gewicht zu geben.


Liebe Mitglieder und Gäste,

50 Jahre erfolgreiche Arbeit war und ist ohne vielfaches ehrenamtliches Engagement, immensen  zeitlichen Einsatz und hohe Motivation vieler unserer Mitglieder nicht möglich. Die Vereinigung konnte nur so 50 Jahre alt. Das Besonders dabei war auch, dass die Verantwortlichen und Gremien immer und zu jeder Zeit das Vertrauen der Mitglieder hatten. Hierfür einmal herzlichen Dank.
Die Vereinigung hat sich nie als reiner Berufsverband verstanden. Neben dem Eintreten für berufsständische Interessen, zur Erlangung von qualifizierten und zeitnahen Informationen sowie kompetente Fortbildung, war und ist für uns die Verwaltungsarbeit nie Selbstzweck gewesen. Wir haben uns immer als Teil unserer Gemeinden und Bezirke verstanden, deren Aufgabe es ist, Verkündigung, Seelsorge und Lehre zu ermöglichen und zu unterstützen. Alles Planen, organisieren, finanzieren und so manches Mal auch korrigieren, ist dieser gemeinsamen Zielsetzung und der Verantwortung für unsere Gemeinden, Bezirke und der Landeskirche verbunden.
Wir haben uns nie gescheut uns einzumischen, anzumahnen und auch einmal zu einzufordern. Wir waren und sind immer wieder kritischer Begleiter, so manches Mal auch ein lästiges Gegenüber. Nach unserem Selbstverständnis wollen wir immer ein offener und kompromißfähiger Gesprächspartner sein. Unser Ziel ist, konstruktiv und zielorientiert an Lösungen mitzuwirken.

Die Kirchenpflegervereinigung wird heute in vielfältigen Planungen, Prozessen und Arbeitsgruppen um Mitarbeit gebeten oder als Gesprächspartner angefragt. In manche mischen wir uns auch eigenständig ein. VertreterInnen der Vereinigung wirken in vielfältigen Positionen und Beauftragungen innerhalb der Landeskirche. Wir können heute feststellen, die Kirchenpflegervereinigung ist als Partner etabliert und anerkannt.

Wie vor 50 Jahren erleben wir heute wieder Zeiten des Umbruchs. Sind es gesellschaftlich die neuen nationalstaatlichen und populistischen Bewegungen, so beschäftigen uns kirchlich Stichworte, wie Gemeindegliederrückgang, Zukunft der Volkskirche, Pfarrplan oder Strukturveränderungen.
Auch die Vereinigung ist davon betroffen, wenn wir die Auswirkung von Gemeinde-kooperationen und -fusionen betrachten oder die Frage im Raum steht, brauchen wir in Zukunft noch Kirchenpflegerinnen und Kirchenpfleger. Wie nachhaltig und auch einfordernd bringt sich die Vereinigung in die aktuellen Strukturüberlegungen ein? Welche Auswirkungen hat der Pfarrplan für Geschäftsführung und Verwaltung einer Kirchengemeinde? Welche strukturellen und organisatorischen Konsequenzen entstehen für unsere Mitglieder aus dem neuen Rechnungswesen und noch einige Fragen mehr.

Im Herbst wählen die Mitglieder der Vereinigung einen neuen Vorstand und Ausschuss. Ich habe den Eindruck, dass die neu gewählten Gremien angesichts der aktuellen Fragestellungen und Herausforderungen, wie damals, einen neuen Aufbruch starten müssen.

Jubilare, 50-jährige vielleicht sogar ein wenig mehr, dürfen sich etwas wünschen. Ich wünsche mir für die Vereinigung und ihrer Mitglieder von unserer Landeskirche drei Dinge:

  1. Eine Klärung der unguten Zwitterstellung der KirchenpflegerInnen und Kirchenpfleger zwischen einem Mitarbeiterstatus und der Zugehörigkeit zur Dienststellenleitung. Nicht selten führt dies dazu, nirgendwo hinzu zu gehören u8nd zwischen den Stühlen zu sitzen.
  2. Eine frühzeitige und nachhaltige Einbindung in sämtliche Strukturprozesse und –Überlegungen innerhalb der Landeskirche. Beispielsweise kann doch niemand ernsthaft von einer Entlastung des Pfarrdienstes reden ohne die Auswirkungen auf die Verwaltung zu bedenken.
  3. Akzeptanz und Anerkennung für kompetente und umfangreiche Arbeit muss sich auch in der Vergütung und ausreichenden personellen Kapazitäten wiederspiegeln.

Einige von Ihnen kennen das Zitat (mein Lieblingszitat) des Schriftstellers Heinrich Waggerl:
Erbitte Gottes Segen für deine Arbeit, aber verlange nicht auch noch, dass er sie tut.

In diesem Sinne lassen Sie uns in gutem Sinne weiter machen mit der Vereinigung Evangelischer Kirchenpfleger und Kirchenpflegerinnen. Dies natürlich auch heute beim gemeinsamen Feiern, beim einander begegnen und später sicherlich auch noch beim gemeinsamen Lachen.

Der Vereinigung und Ihnen persönlich wünsche ich alles Gute und Gottes Geleit für die Zukunft.

Bernd Kemmner